Musikalische Lesung zum Untergang der Weimarer Republik (1929–1933) am Heinrich-Heine-Gymnasium.
Eine Zeit voller Widersprüchlichkeit, voll großer Kunst und großem Schrecken brachten der Schauspieler Roman Knižka und das Bläserensemble „Opus 45“ gemeinsam auf die Bühne des KuBinO in Ostfildern. Rund 500 Schülerinnen und Schüler lauschten am Dienstag, 27. Januar 2026, während musikalische und literarische Werke der Weimarer Republik auf der Bühne zum Leben erwachten.
Zwar tourt das Ensemble derzeit durch Deutschland und füllt an vielen Abenden etliche Säle, doch das wichtigste Publikum, so Knižka in seinen Abschiedsworten, seien die Schülerinnen und Schüler. „Das Ende von Demokratien ist immer abwendbar“, gibt der Schauspieler der Schülerschaft mit auf den Weg. Gerade in der heutigen Zeit sei es unendlich wichtig, Kompromisse zu schließen und die sozialen Medien so zu nutzen, dass sie der Demokratie dienen, anstatt ihr zu schaden.
Eine ähnliche Stoßrichtung hatte auch der Erste Bürgermeister, Herr Rommel, in seinem Grußwort vor Beginn der Veranstaltung eingeschlagen und darauf verwiesen, wie die „anfängliche Euphorie“ der Weimarer Republik „zu einem großen Schock wurde.“ Dieses Zeitgefühl sei uns heute gar nicht so fremd, daher rief er dazu auf, dass wir „die Alarmzeichen ernst nehmen.“ Es sei wichtig, „die Vergangenheit zu verstehen, auch und gerade, weil wir in eine gute Zukunft wollen.“
Zwei Schülerinnen der Abiturstufe, Sophie und Sara, schlossen sich an das Grußwort des Ersten Bürgermeisters an und betonten die Relevanz des Datums: „Es ist genau 81 Jahre her, dass das Konzentrationslager Auschwitz befreit wurde und exakt 30 Jahre, dass dieser Tag 1996 zum Gedenktag erklärt wurde.“ In diesem Kontext baten Sophie und Sara um eine Schweigeminute.
Schulleiterin Judit Vamosi betonte im Anschluss an die Schweigeminute, wie wichtig dieser „Akt des Respekts“ auch und gerade heute sei. Doch genug sei er nicht: „Nun muss unser Handeln ein Akt der Verantwortung sein.“
Wichtig sei aber auch zu verstehen, so Vamosi weiter, dass die Weimarer Republik nicht nur eine Untergangsgeschichte war. „Musik, Literatur und Theater waren nie zuvor so voller Gegenwart. Es ist auch eine Zeit der großen Kunst und der großen Fragen. Sie fasziniert und beunruhigt uns bis heute – denn hier startet, was wir heute Moderne nennen.“
Bücher, Musik, Theater der Weimarer Zeit seien „ganz und gar nicht gestrig“, sie seien keine Geschichte, sondern hätten uns auch heute etwas zu sagen. „Das besondere Wesensmerkmal ist die Widersprüchlichkeit, die sich in all dieser Dynamik, Rastlosigkeit und Beschleunigung zeigt. Ein solcher Blick macht uns reicher. Wir sollten ihn nicht nur wagen, sondern genießen.“ Möglich wurde dem Heinrich-Heine-Gmynasium dieser Blick dank der Unterstützung der Organisation SCORA (Schools opposing Racism and Antisemitism), die die Kosten der musikalischen Lesung vollständig übernahm.
Diese beginnt mit dem Klang des Bläserquintetts. Klarinette, Querflöte, Fagott, Oboe und Horn entführen in die Zeit der Weimarer Republik. Knižka steht zunächst mit dem Rücken zum Publikum, lauscht der Musik, setzt sich anschließend an den Schreibtisch und entschlummert scheinbar. Dann erwacht er und seine Stimme ist zackig: „Es ist soweit. Wir sitzen in der Wilhelmstraße. Adolf Hitler ist Reichskanzler. Fulminanter Fackelzug.“
Von hier aus beginnt die Rückblende. Mit dem 03. Oktober 1929 startet der allmähliche Zerfall der Republik in dieser Zusammenstellung. Es folgt eine bunte Mischung aus Nachrichtenzeilen, Tagebucheinträgen, Gedichten, NS-Parolen, Kinokritiken und Reden. Immer wieder werden historische Wegmarken beigefügt. Die Musik untermalt, unterbricht oder konterkariert. So folgt beispielsweise auf die von NS-Rhetorik durchtränkte Rede zu Horst Wessels Beerdigung eine flotte, fröhliche Melodie, die so gar nicht zum vorigen Inhalt passen möchte. Diese Widersprüchlichkeit zeigt sich immer wieder deutlich, während das Stück chronologisch durch die letzten Jahre der Weimarer Republik wandelt. Immer wieder taucht zwischen politischem Aufstieg der NSDAP, Furcht der klugen Beobachter oder zynischen Tagebucheinträgen auch kulturell scheinbar Harmloses auf. Die Kritik zum neuen Film „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich wird verlesen, „Veronika, der Lenz ist da“ gesungen und der Berliner Presseball mit munterem Swing eingeleitet. Doch auch hier zeichnet sich der Zeitgeist ab, einen unpolitischen Rückzugsort gibt es kaum in der Weimarer Republik.
Beeindruckend ist vor allem Knižkas Wandlungsfähigkeit und Stimmvarianz. Gekonnt stellt er einen Nachrichtensprecher dar, schlüpft in die Rolle des betrunkenen Berliners Anton, der eine NS-Versammlung besucht, oder imitiert sogar Hitler und Goebbels – letzteren so treffend, dass es für einen Moment mucksmäuschenstill ist im Saal und sich keiner regt.
Ab und an findet Knižka auch leisere Töne, etwa bei der Lesung des Gedichts von Mascha Kaléko. Viele der dargebotenen Texte stammen von berühmten Schriftstellern und Schriftstellerinnen der Weimarer Zeit wie Erich Kästner, Kurt Tucholsky oder Victor Klemperer, die nur einige Monate später zu den Verfolgten und Geächteten zählten.
Gegen Ende sorgt das Ensemble noch für eine Überraschung für das Publikum: die politische Lage in Ruit 1932 wird thematisiert. Ganz konkrete Situationen und Namen aus der Umgebung machen die vergangene Zeit plötzlich noch so viel nahbar. So berichtet Knižka vom Scheitern der Hedelfinger NSDAP-Ortsgruppe, die partout keinen Gastwirt in Ruit finden konnte, der sie ihre Versammlung in seinem Lokal abhalten lassen wollte. Und als es schließlich doch gelang, die erste NSDAP-Versammlung in Ruit durchzusetzen, erschienen gerade einmal zwei Menschen. An dieser Stelle huscht für einen Moment trotz des unaufhaltsamen Untergangs ein zufriedenes Schmunzeln durchs Publikum.
Von Julia Schönthaler
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